Datscha, Listwjanka und Baikal

Verfasst am: 14.06.2015

Silbern blitzt das Wasser und die Wellen schlagen sanft an den feinen, goldenen Sandstrand..... nein, ich habe mich nicht verfahren, ich bin am Baikal See, dem heiligen Meer, wie die Burjaten sagen.
Ab der Stadt Kanck bin ich im Eiltempo Richtung Irkutsk. Dort angekommen war Stau.....drei Stunden stop & go.

Zum Glück wusste ich wohin, das Hotel Irkutsk (ehemals Intourist) sollte kostenlose Stellplätze bieten, müde und hungrig kam ich da an, und die wirklich sehr nette Dame an der Rezeption meinte dann: 700 rub....... Der Parkplatz ist nicht kostenlos? Njet.... 700....

Ich war einfach zu geschafft um da noch zu Argumentieren, ausserdem hätte ich eh nur die Möglichkeit wieder weg zu Fahren gehabt. Hinter dem Hotel..... Matsch und Modder, aber auch das war mir egal. Ich habe mir die Stadt nicht mal angesehen, es regnete und ich war sauer.

Der nächste Tag sollte mich aber für alles entschädigen, ach was, die nächsten Tage. Die Schwiegereltern eines sehr lieben Freundes leben in Irkutsk, im Winter in der Stadt, der Sommer wird auf der Datscha verbracht. Dorthin war meine Einladung. Nun, wer mich kennt weiss, ich habe echt Probleme mich Einladen zu lassen, und dann auch noch zu fremden Leuten, die kein Englisch sprechen und ich nur wenig Russisch.

Die Datscha war, dank der Koordinaten meiner Freunde schnell gefunden. Beim Begrüssen der beiden alten Leutchen war mir sofort klar, hier wohnen ganz liebe, liebe Menschen. Das hat sich dann auch schnell bestätigt. Soja und Alexej sind beide Mitte siebzig, und bewirtschaften einen Garten von ca. 700qm alleine..... einmal stehe ich mit Alexej im Garten in der Sonne.... und sage: Dort, da wo es geschützt ist, wo die Sonne gut hinkommt, da fehlt eine Bank. Er grinst mit einem verschmitzten Lächeln und sagt: zum im der Sonne sitzen habe ich keine Zeit. Immer ist irgendwas zu tun, und das geniessen die beiden richtig.

Ich bin sofort adoptiert, mühsam verständigen wir uns mit meinem bisschen Russisch, aber es wird besser, jeden Tag ein paar Worte mehr. Am Abend wird die Banja angeheizt, das russische Waschhaus. Alexej zeigt wie es geht..... Aufguss um Aufguss wird gemacht, dann das heisse Wasser des Ofens mit dem kalten in einer grossen Schüssel vermischt. In einer anderen Schüssel ist nur heisses Wasser, dort wird die Birkenzweig Rute eingeweicht.

Die Zweige werden nur im Mai und Juni geschnitten, später werden sie zu dick und damit hart. Wenn die Zweige gut eingeweicht sind, wird geschlagen, Alexej haut auf mir rum und meine Haut ist in kurzer Zeit krebsrot. Aber es belebt ungemein. Das gemischte Wasser in der Schüssel wird dann zum Reinigen benutzt.... denn es ist ein Waschhaus, keine Sauna. Also Shampoo raus und abschrubben. Immer wieder Wasser über den Körper, dann wieder Aufguss und Birkenzweigkloppe. Nach einer halben Stunde ist der Körper sauber, die Seele frisch und der Wodka aus dem Leib geprügelt. Wobei..... die beiden trinken nicht, entgegen der Vorurteile habe ich viele Russen getroffen die keinen Alkohol trinken. Dafür gibt es von der lieben Soja Tee...... immer steht eine Kanne mit Extrakt auf dem Ofen und zu jeder Gelegenheit wird Tee getrunken. Etwas anderes ist auch neu für mich, es wird sehr spät, kurz von dem Schlafengehen gegessen. Fett gegessen..... Smetana, also fetter Schmand kommt aufs Brot, auf die Wurst, zum Kompott..... zu allem. Trotzdem sind die beiden schlank und rank, wahrscheinlich braucht man Fett hier zum Leben. Ich habe mich ja schon 2013 in den russischen weissen Speck, salo genannt, verliebt. Ein Streifen Speck, etwas Salz und dazu ein Schlückchen Wodka...... Genuss pur.
Gegenüber, auf der anderen Strassenseite, hat die Schwester von Alexej eine Datscha mit ihrer Familie, Galina und Sascha. Das Grundstück der beiden geht runter bis an das Ufer der Angara. Die Angara ist der einige Abfluss des Baikal, aber 336 Flüsse und unzählige Bäche fliessen in den riesigen See. Und so ist die Angara ein richtig grosser Fluss. Ich nehme mir die Zeit, sitze am Ufer, lese etwas im Reiseführer „Baikal“ und geniesse Sonne, Fluss und Zeit mit mir. Einige Stunden sitze ich dort, bis aus dem Osten ein Gewitter aufzieht und es sofort kalt wird.

Ostwind ist sehr kalt, denn er kommt über den See, dessen letztes Eis erst im Mai geschmolzen ist. Selbst im Hochsommer, also Juli und August, wird der See nicht wärmer als 10°C, und davon sind wir im Moment weit entfernt. Bei Soja und Alexej gibt es..... Tee.... und der Sohn Andrej ist zu Besuch, mit dem kleinem quirligen Sohn Kostja. Andrej ist ein sehr ruhiger, feiner Mensch, Kostja dagegen plappert und ist immer in Gange. Der Siebenjährige ist ein echtes Energiebündel und sehr intelligent. Mit drei Jahren konnte er lesen, mit 5 beherrschte er Rechnen und Schreiben, inzwischen löst er Aufgaben der dritten Klasse.... echt beeindruckend der kleine Mann. Und Autofahren kann er, der Vater bedient noch Gas und Kupplung, Schalten und Lenken beherrscht Kostja wie ein grosser.
Mit Soja, Andrej und Kostja fahre ich nach Listwjanka an den Baikal..... dort am Steinstrand wurden meine Augen feucht..... wie lange habe ich von diesem Augenblick geträumt, mich danach gesehnt ohne zu wissen warum.... nun stehe ich am Wasser, trinke es aus der hohlen Hand und bin wohl einer der glücklichsten Menschen auf dieser Erde.



Natürlich kaufen wir Omul, ein Fisch der nur im Baikal lebt. Heiss geräuchert schmeckt er mir am besten, ganz festes, weisses Fleisch, fast kein Fett und geschmacklich ein grosser Genuss. Inzwischen habe ich soviel Omul gegessen, dass ich dringen mal wieder Schaschlik brauche..... aber den ersten Omul vergisst man nicht.
Es gibt noch eine Besonderheit dort, den Schamanenfelsen. Hier ein Auszug von Wikipedia:
Eine Legende besagt, dass der alte Baikal seine einzige Tochter Angara über alles liebte. Als sie sich eines Tages zu ihrem Geliebten Jenissei flüchtete, warf der Vater aus Zorn einen großen Stein nach ihr. Dieser auch Schamanenstein genannte Fels ragt bei Listwjanka aus dem Wasser und markiert die Grenze zwischen Baikal und Angara.

Die Angara wird auch als einzige Tochter des Baikal bezeichnet, da sie heute dessen einziger Abfluss ist, Söhne (Zuflüsse) hat der Baikal mehr als 300. 
Listwjanka ist sehr touristisch geprägt, nichts wo ich mich länger aufhalten möchte, und so geht es auch meinen Gastgebern, nach gut 2 Stunden geht es die 60 km zurück auf die Datscha.
Am Abend Banja mit Sascha, völlig entspannt, alles in Ruhe..... das Leben entschleunigt ….. eigentlich ein blödes Wort, aber mir fällt nichts besseres ein....

Nach drei Tagen muss ich die beiden und die gesamte Verwandtschaft, die immer mal vorbei schaut, verlassen. Jutta und Wolfgang, meine Reisepartner der ersten Wochen, sind in Listwjanka angekommen, wir treffen uns dort. Aber...... die Strasse runter an den Baikal ist eine Sackgasse, man muss wieder zurück nach Irkutsk um dann nach Südosten zu kommen. Und so muss ich versprechen auf dem Weg zurück wieder auf der Datscha halt zu machen.

Mit meinen Reisegefährten stehen wir auf einem bewachten Parkplatz direkt am Ufer, esssen Omul, erzählen die erlebten Geschichten und beschliessen noch eine Weile zusammen zu bleiben.

Zurück bei Soja und Alexej gibt es natürlich Banja, Jutta und Wolfgang werden sofort mit der gleichen Liebe behandelt wie ich..... Russen sind einmalig. Wolfgang erinnert sich an sehr viele russische Vokabeln die er in der Schule einst lernte und freut sich das verloren geglaubtes wieder kommt.
Aber es nützt nichts, wir wollen weiter. Nach einer Nacht, die meine Reisefreunde im Haus verbringen, müssen wir nun aber mal Strecke machen. Alexej und Sascha segnen uns mit dem Kreuz...... vor zwei Tagen sagten beide, dass sie Atheisten sind...... Glauben kann man nicht erklären, selbst über 70 Jahre Kommunismus kann ihn nicht besiegen.

Für uns geht es nach Südost, Richtung Baikalsk, dort soll es warme Seen geben. Da der Eintritt aber extrem teuer ist, verzichten wir auf das warme Wasser und stellen uns an einen grossen Fluss. Ich lasse es mir nicht nehmen zumindest einmal unter zu tauchen....... kalt ist kein Ausdruck. Die Flüsse kommen von den umliegenden Bergen und auf den Gipfeln liegt noch Schnee. Lagerfeuer und Schaschlik runden den Tag ab.


An den Baikalsee zu kommen ist fast unmöglich hier an der Südost Seite, denn die Transsibirische Eisenbahnlinie verläuft zwischen Strasse und See. Es gibt keine Brücken unter oder über die Bahn, ab und an sieht man Spuren die in einem kleinen Fluss den Weg unter einer Brücke nehmen, aber diese Brücken sind meist niedrig und ob wir im Fluss mit unseren schweren Fahrzeugen überhaupt fahren können probieren wir erst gar nicht. Und so kommen wir erst in Babuschkin unter der Bahn durch und an den See.

Es ist ein eisiger Wind, wilde Hunde streunen um uns rum und Regenwolken ziehen auf. Etwas geschützt an einem alten Bootschuppen warten wir auf die Abendstille. Sie kommt...... so wie fast immer. Gegen 1800 Uhr wird es ruhig, die Sonne kommt hervor, leuchtet bald rot am Horizont.... und mit dieser Stille kommen Mücken. Irgendwie habe ich das Gefühl, wenn etwas besonders schön ist, dann muss auch ein kleiner Dämpfer her, sonst könnte man das Glück nicht ertragen. Aber gegen Mücken sind wir mit vielerlei Mitteln gerüstet. Morgens kommt eine Plage, gegen die es keine Abwehr gibt, Fliegen.... zu zig tausenden kommen sie von den Steinen am Ufer und setzen sich auf alles wo die Sonne hinkommt und wärmt. Es bleibt nur die Flucht. Ein Tipp von Tanja, Tochter von Sascha und Galina, bringt uns auf die andere Seite des Selengadeltas, einer der riesigen Zuflüsse des Baikal. Dort, am Ende der Strasse soll es Sandstrand geben. Nach etwas suchen finden wir einen wilden Campingplatz und stehen dort am Ufer ca. 10m vom Wasser. Sonne, Sand, Wasser und eiskalter Wind. Leider ist durch den sehr feinen Sand das Wasser trübe, trinken kann man es hier nicht.

Aber drin baden.... was ich natürlich gemacht habe..... siehe Bildergalerie
Abends kommen ein paar einheimische, Angeln, Grillen und verschwinden wieder...... leider nicht alle. Ein Auto mit zwei jüngeren Männern hält, woher, wohin... das übliche Gefrage. Beide haben, obwohl einer gefahren ist, schon mächtig dem Wodka zugesprochen. Wir bekommen frischen Fisch und dann kommt die Buddel Wodka auf den Tisch..... wir sollen trinken. Aus Anstand nimmt man einen kleinen Schluck, wohl ist uns bei der Nummer nicht. Denn die Beiden werden sehr schnell sehr laut. Nun ist lautes Reden für Russen normal, wenn zwei sich gegenüber stehen und sie reden, dann mit einer ungeheuren Lautstärke, das hier aber war etwas anderes, sie wurden laut uns gegenüber.... irgendwann höre ich auf Russisch wie der eine Deutscher Hund zu mir sagt. Es reicht, ich trete die Flucht an..... völlig vergessend, das Wolfgang ja auch noch dort sitzt..... Er bekommt aber auch schnell die Kurve und so ist in kurzer Zeit Ruhe. Dennoch, was ich dort getan habe tut mir mehr als Leid, der eine von den Russen, der aggressive hatte sich auf mich eingeschossen... aber das rechtfertigt nicht meine alleinige Flucht. Wir haben das aber am selben Abend noch geklärt unter uns Freunden und es gibt kein böses Blut, Danke Wolfgang !!
Es gibt meistens völlig andere Begegnungen, so kommt ein, vom Ansehen alter Mann, auf uns zu, lädt uns zu sich in sein Camp ein, ich passe, möchte etwas alleine sein, Jutta und Wolfgang gehen mit. Wieder wird alles was der See und die Küche hergibt aufgefahren. Irgendwann signalisiert Jutta, komm und rette uns, sonst platzen wir. Am Abend kommt der Mann noch mal zu unseren Autos, nimmt Wolfgang gefühlte 10 mal in den Arm, segnet uns mit dem Kreuzzeichen und sagt immer wieder, dass wir Freunde fürs Leben sind.... man fragt nicht warum, es gibt keine andere Antwort als: Das ist die Russische Seele
Wir werden hier, am Ufer des Heiligen Meeres noch ein paar Tage bleiben. Urlaub vom Reisen.
Denn..... wo könnte man besser Kraft tanken als am Wasser, mit Lagerfeuer, Schaschlik und guten Freunden?

bis dann..... bleibt gespannt

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