Pläne ändern, Eindrücke, Gedanken

Verfasst am: 28.05.2015

Moin,
der Plan war von Kurgan an die Grenze zu Kasachstan, dort übernachten und dann morgens frisch zum Grenzübertritt..... der Plan.....
Übernachtet habe ich kurz vor der Grenze, in einem Birkenwald auf einer Lichtung, traumhaft schön. Leider Mücken...... nun ja, sonst wäre ich nicht in Sibirien.
Recht früh schon war ich auf..... konnte nur nicht so richtig los, hier war noch was und dort, die zweistufige Treppe zu meinem „Zuhause“ war auf den Rüttelstrecken kaputt gegangen, der fehlten 2 Nieten..... also dort Schrauben rein. Und immer das Gefühl.....irgendwas stimmt nicht.
Irgendwann war mir klar was ist, ich fühlte mich unfrei, getrieben von Dingen die ich nicht ändern kann. Freiheit ist für mich in aller erster Linie, dass ich Entscheidungen treffen und verwerfen kann. Bin ich zu Besuch bei lieben Freunden, dann ist das grossartig, reden, Sprache lernen, zusammen essen und trinken.... alles super..... aber ich bin gebunden, an den Ort, an meine Freunde.
Hier kam eine Grenze auf mich zu, erst die Ausreise, dann Einreise nach Kasachstan.
Andere würden diesen Tag über mich bestimmen, ich müsste mir eine neue Simkarte kaufen, Autoversicherung abschliessen..... all dieser Kram. Das hat mich im Vorwege schon so genervt, dass ich für mich beschloss: Plan Änderung. Noch kurz über WhatsApp mit der Familie daheim abgesprochen, alles klar, Räder nach NordOst und nicht nach SüdOst.
Gut..... jetzt habe ich Astana nicht gesehen, diese verrückte Hauptstadt mit ihren Bauten.....aber ehrlich: fehlt mir was? Nein. Im Gegenteil, ich habe etwas gewonnen, nämlich..... meine Freiheit.
Das merke ich immer daran ob ich viele Photos mache und laut gegen die Musik auf dem USB Stick angröhle, mache ich beides, geht es mir Bombig.
Die Sümpfe zwischen Ishim und Novosibirsk habe ich im Schnellgang genommen, da ist nix, aber auch gar nix schönes, nicht mal Stellplätze kann man finden, alles unter Wasser. 

Nun bin ich die Strecke ja zum dritten mal gefahren, 2013 war ich aber auf dem Hinweg schon 8 Wochen später als dies mal..... Plätze auf den ich vor zwei Jahren gestanden habe, sind immer noch völlig unter Wasser, es läuft halt nicht ab, wohin auch? Also.... was macht der Fernfahrer? Er gesellt sich zu anderen Fernfahrern, sprich, ich habe auf LKW Plätzen, sogenanten Ctojanka´s übernachtet. Das ist nun alles andere als schön, geschweige denn romantisch, aber sicher. Wobei....es hat schon was, wenn gegen Sonnenuntergang LKW Zug um LKW Zug eintrifft, dann absolut akkurat neben seine Kumpel einparkt, der Motor läuft ein wenig nach, es riecht nach Oel und Diesel... Stille..... einer nach dem anderen klettert aus der Kabine, Handtuch unterm Arm, erst mal Duschen oder Banja. Sobald es richtig dunkel ist, kommt kaum noch jemand, die einen fahren die Nacht durch, die meisten haben aber einen Platz gefunden.
Ich mag das, war schon immer ein grosser Traum, einmal einen 40 Tonner fahren, all das mal erleben..... sicher ein guter Schuss romantischer Verklärung dabei.... na und? 



Es gibt also nichts weiter zu berichten, ausser dass ich in der Nähe vom Kemerowo bin und das nächste Ziel Abakan heisst. Dort gibt es eine Nebenstrasse in südlicher Richtung nach Kysyl , der Hauptstadt Tuwas. Schaun wir mal wie die so ist, wenn sie nicht fahrbar für meinen Toyota ist, muss ich gut 400km zurück und über Krasnojarsk fahren.

Was sonst noch aufgefallen ist
Ich bin, wie oben schon geschrieben, das dritte Mal diese Strasse gefahren, es gibt halt nur die eine.... Von Kurgan nach Ishim ist der erste Teil mies bis sehr mies. Ab den Kreisel wird es zur Rollbahn. Dort wo 2013 Schotterpiste war, ist nun eine Schnellstrasse, so richtig mit Leitplanken. Ab Omsk bin ich vor 2 Jahren eine kleine Nebenstrecke nach Elanka gefahren, weil die Hauptstrasse eine Zumutung war.....nun? alles super. 

Super heisst: es sind natürlich viele Wellen vorhanden (sonst wäre es keine russische Strasse), und die Übergänge zwischen den einzelnen geteerten Abschnitten sind rustikal, aber die Strasse ist nicht gebrochen. Denn das ist das schlimmste. Wenn in kurzen Abständen quer zur Fahrtrichtung der Asphalt gebrochen ist, und die Räder in jede Fuge stürzen.... das macht einen so richtig fertig. Egal ob man langsam kriecht oder schnell da drüber fliegt, es haut alles kaputt und das Auto leidet.....sehr. Auf einer solchen Strecke sind mir auch die Nieten aus der Treppe vibriert. Nun also alles gut, ab Omsk ist es teilweise ein Traum, Omsk selber..... russische Städte sind IN der Stadt selber für die Strassen verantwortlich.....und natürlich immer pleite. So sehen dann die Strassen auch aus.

Noch zwei Sachen sind mir aufgefallen.....
Es wird sehr viel Müll gesammelt, an vielen Strassen sind Trupps in Orange und sammeln, die Säcke werden dann am Strassenrand abgelegt, ein Kollege nimmt das gesammelte dann mit. Ich habe in Kurgan bei den Freunden nachgefragt und die bestätigten meine Beobachtung.
Und ….. die Kamikatze Fahrer sind weg.... na weg ist zu viel, aber 2013 bin ich am Steuer von einer Ohnmacht in die nächste gefallen, wo und vor allem wie die Überholt haben, das war lebensmüde hoch 3. Sergej in Samara habe ich mal gefragt warum so gefahren wird, Adrenalin war seine Antwort....

Der Spiegel schrieb in einem Bericht vom Januar 2014:
„Russische Männer haben im Vergleich zu Westeuropäern eine deutlich geringere Lebenserwartung, 25 Prozent von ihnen sterben vor dem Alter von 55 Jahren. Zum Vergleich: In Großbritannien ist das bei sieben Prozent der Fall. Die durchschnittliche Lebenserwartung für einen russischen Mann liegt bei 64 Jahren.“
Es gab in den letzten Jahren sehr viel Aufklärung, härtere Strafen und extrem viel Polizeikontrollen. Vielleicht hat das alles zu einem Umdenken geführt. Es ist auffällig wie gesittet gefahren wird. Auch und vor allem von den LKW Fahrern.
Genau..... noch eine Sache..... ich bin jetzt über 7300 km gefahren, seit dem 06.05 in Russland..... und hatte eine einzige Polizeikontrolle.... eine !
Nicht das die Jungs keine Kontrollen machen, die stehen recht oft mit einer Laserpistole, oder kontrollieren die Papiere der Leute, aber eben nicht von mir, drehen sich teilweise demonstrativ um und mir den Rücken zu. Ich finde das nicht gut.... mit wem soll ich den den ganzen Tag reden? Mit dem Navi? Und wem kann ich mein Dobro Paschalowat (Herzlich Willkommen) entgegen schmettern, wenn keiner mein Auto von innen sehen möchte?

Zwei kurze Begegnungen:
Auf einem Parkplatz an einer Tankstelle, ich stelle mich an den Rand, sondiere die Lage. Hält ein silberner Minivan und fragt was ich möchte, ein freundlicher Herr aus Kasachstan. Ob man hier stehen dürfe zur Nacht, ja, das ist ein guter Platz, sogar bewacht und kostenlos, da von Gazprom.
Danke und gute Nacht......
Zur Dämmerung kommen wieder die LKW...... und gehen nach dem Duschen zu dem Minivan, kaufen offensichtlich was und verschwinden in den Kabinen ihrer grossen Maschinen.
Am Morgen ist er wieder, noch immer da..... ich hin und gefragt: was verkaufst Du? Ein breites Lächeln..... Wodka (was sonst....), aus Kasachstan, willst Du sehen? Klar will ich.
Das Buddelchen für schlanke 100 Rub (1,80 Eu), im Geschäft kostet es mindestens 250 Rub.
Habe ich ihn dann von zwei Fläschchen befreit.
Zurück zum Auto, steht da so ein russischer Bär an meinem Wagen.... na, das übliche, woher, wohin..... schau mal ich fahre einen deutschen VW.... ja, toll, willst Du mal meine Wohnkabine sehen? Klar....deswegen ist er ja hier. Hast Du Kinder, frage ich? Da, dwoje. Habe ich kleine Geschenke aus dem Wagen geholt, kleine Stofftiere und etwas Ahoi Brause, aber am besten kommen die Schnapparmbänder an. Bedankt sich und ich soll mit zu seinem Wagen...... holt ne Fasche Whisky raus, hier, ist für Dich grinst er....... Leute.... ich liebe diese Menschen, sie sind immer gerade aus, hilfsbereit und freigiebig. Sprit habe ich nun erst mal genug....oh, oh....

Soweit ein paar Gedanken und Beobachtungen, ich melde mich wieder, bleibt gespannt.....

Micha

Beratung, Konzeption, Programmierung, Design

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