Wieder am Baikal, in Maximicha

Verfasst am: 11.08.2015

Über 4 Wochen habe ich nichts geschrieben....konnte nicht, der Kopf war leer. Einmal war es die Enttäuschung, das Aufgeben, dann aber auch Erschöpfung.... das Regenerieren dauerte lange. Es war diese gesamte Zeit vorher..... die Vorbereitung auf diese Reise, dann der Beginn, schön, aber anstrengend. Fast immer waren Menschen um mich rum, Reisegefährten oder Leute die ich besucht habe, kaum einmal Zeit für mich. Und dann der Abbruch....das „Versagen“ von Mensch und Maschine. Ich glaube das kennt jeder von uns, wir arbeiten auf ein Ziel hin, geben alles, mehr als wir eigentlich können, dann der grosse Moment, es geht los..... ob im Job oder Freizeit, etwas beginnt.... Aufregung, Adrenalin.... dann klappt etwas nicht und man fällt in ein Loch....tiefer und tiefer. So ging es mir jedenfalls.... ob da auch noch die Depressionen eine Rolle spielen? 

Kann sehr gut sein, die Umkehrung der Manie in eine Depression geht ja sehr schnell bei mir.

.... alles in allem war ich ausgelaugt und versuchte Kraft zu tanken.... wo mag das besser gehen als an einem Wasser mit Lagerfeuer und gutem Essen?
Also bin ich von dem Parkplatz auf dem ich die erste Nacht gestanden habe, die 150km nach Norden, zurück an den Platz der mir bis jetzt auf der Reise am besten gefallen hat, zurück zu dem schiefen Baum am Baikal.

Dort hatte ich mit meinen belgischen Freunden ein paar wunderschöne Tage verbracht. Den ganzen Weg habe ich gezittert ob der Platz wohl frei wäre, denn Burjatien hat Ferien, zum Glück war es ein Montag und damit etwas leerer als an den Wochenenden. Nach ein paar Stunden Fahrt rolle ich langsam durch den Wald bis ganz ans Ende des kleinen Weges.... puh.... alle Plätze sind belegt.... bin auf „meinen“. Ich bin glücklich.
 

Wagen ausrichten, Kühlbox auf, ein Bier gegriffen, den Stuhl an die Feuerstelle ganz vorne an der Küste...... und eine Stunde nicht vom Fleck rühren.
Was für ein Glück ich mit diesem Platz habe erfahre ich ein paar Tage später. Die sehr leise Familie nebenan fuhr ab und keine Stunde später kommt Ljoscha mit Frau Ludmilla und Sohn Mischa. Ljoscha kommt direkt auf mich zu, fragt in gutem Englisch wie lange ich gedenke zu bleiben..... keine Ahnung, eine, zwei, drei Wochen.... grosse Enttäuschung auf seinem Gesicht.

Er hat seinen Jahresurlaub und steht sehr oft mit der Familie auf diesem, meinem Platz, denn es ist der schönste. Von der Feuerstelle aus kann man den ganzen Strand in der Bucht sehen, die Sonne geht genau vor einem unter und weil der Platz etwas höher ist, weht ständig ein leichter Wind. Es tut mir etwas Leid, aber ich erkläre ihm, dass ich fast 12000 km gefahren bin bis zu diesem Platz und es für mich auch etwas einmaliges ist..... wir verstehen uns. In den Wochen nebeneinander sind wir Freunde geworden, wenn die Eltern einkaufen fuhren, passte ich auf den 9 Jährigen Mischa auf, und Ljoscha brachte mir mit was ich benötigte. Danke Ihr lieben Freunde für die gemeinsame Zeit

Immer mal wieder tauchen andere Leute auf, der Strand geht just an meinem Platz zu ende, die kleine Steilküste beginnt und grosse Steine lösen den Sand ab. Also kommen die Menschen den steilen Pfad vom Strand hoch und stehen in meinem Camp. Normalerweise ignoriert man sich, die Russen beherrschen das in Perfektion, Blick gerade aus und vorbei. Die Burjaten sind anders, neugierig und freundlich fragen sie woher ich komme und dann ergibt sich ein kleines Gespräch. Aber auch Russen können das..... einige Begegnungen vergesse ich sobald die Leute gegangen sind, andere Erinnerungen bleiben, sind wertvoll.
Der erste der mich besucht ist Aleksander.... mit leicht glasigem Blick, voll in Tarnklamotten, Plastikbeutel in der Hand.... begrüsst mich und schnippt sich mit der Hand an die Kehle..... heisst: möchtest Du mit mir trinken? Ich schalte auf Abwehr und mache, was sich in solchen Fällen bewährt hat, ich kann kein Wort russisch mehr. Das hilft meistens, denn es ist ja unendlich mühsam wenn man statt ein paar netten Stunden mit Wodka, sich mit einem Fremden der nix versteht abgeben muss.

Bei Aleksander hilft es nicht, und ganz langsam begreife ich meinen Fehler. Er hat ein paar Schluck drin.... war aber ein herzensguter Mensch. Sein Camp war in der nächsten Bucht und in den nächsten Tagen kam er immer mal wieder und versuchte mit mir zu reden..... ich kam mir ziemlich dämlich vor, konnte ihm doch nicht sagen, dass ich aus Angst vor ihm kein russisch gesprochen habe. Sogar seine Frau bringt er mit, eine russische Jüdin. Ihre Töchter leben in Israel.... ein doch am Ende sehr nettes Treffen das bleibt.

Oder Marina, Dima und Sergej....auch sie kommen zwei mal, können etwas englisch, wir reden über Puschkin und Putin, über gestern und heute. Sie nehmen mich in ihrem Wagen mit nach Maximicha, der nächste Ort. Dort kann ich endlich mal wieder frisches Brot kaufen und gehe dann die knapp 4 Km am Strand lang, zurück zu meinem kleinen Reich.

Die Deutschlehrerin mit ihren beiden Töchtern, freut sich sehr wieder einmal deutsch sprechen zu können..... auch sie ist nicht vergessen.


Sergej Vunder, der deutsche Vorfahren hat kommt mit seiner Tochter..... beim zweiten Besuch hat er seine Motorsäge mit und schneidet meine Stämme klein.... Danke noch mal Sergej !



Ein schwer bepackter Wanderer, tief braun gebrannt, ächzt den steilen Pfad hoch... fragt mich irgendwas....ich verstehe gar nichts, er muss anscheinend einen Dialekt sprechen. Als ich im erkläre vorher ich komme, bessert sich sein russisch und wir können etwas reden. Zum Abschied schenke ich ihm ein paar Päckchen Ahoi Brause... für Limonade sage ich....er freut sich, das wiegt nichts und ist ein Genuss.
 

 

Bayarmaa, eine sehr nette Burjatin kommt mit ihrem halbwüchsigen Sohn, sie spricht sehr gut englisch.... aber mit einem grauenvollen amerikanischen Akzent. Ihre Schwester lebt in USA und Bayarmaa war schon häufiger drüben..... sie kommt immer mal wieder rum, es sind schöne, entspannte Zeiten, wir halten auch jetzt noch über WhatsApp Kontakt.



Ich stöbere im Internet, gebe den Namen des Ortes Maximicha ein...... huch? Ein deutscher Blog ? „Mein erster Winter in Maximicha“ steht da.... Eliane hat es 2005 geschrieben. In dem Text steht, dass sie sich ein Haus im Ort gekauft hat.... das ist nun zwar 10 Jahre her, aber ich versuche es trotzdem, schreibe an die Mailadresse.... und bekomme ein paar Stunden später Antwort.

Ja, sie lebt im Sommer noch in Maximicha und wäre eben jetzt dort, wenn ich Lust hätte, ein Kaffee oder Tee ist jederzeit drin. Ljoscha passt auf meinen Platz auf und ich fahre in den Ort, finde das Haus. Es wird gebaut, ein grosses Holzhaus entsteht. Eliane lebt dort mit ihrem Mann Sascha und den beiden Töchtern. Sehr nett, wir erzählen vom Leben in Deutschland und Russland. Ein paar Tage später kommt sie mit den Mädchen zum Gegenbesuch, ich habe Eintropf gekocht und sie bleiben bis spät Abends. Hat mich sehr gefreut Euch kennen gelernt zu haben !!

Aber auch wenn sich kein Besuch zeigt, gibt es viel zu sehen und zu tun. Einmal höre ich wie ein grosser Motor aufheult, immer wieder.... am Strand hat sich ein Kamaz 6x6 festgefahren..... so sind Russen! Erst mal rein, rauf auf den Strand....was dann kommt wird man sehen....pasmotrim, wir werden sehen..... geschlagene zwei Tage brauchen sie um den LKW und Anhänger wieder auf den Waldpfad zu bringen....und wahrscheinlich waren sie auch noch stolz auf ihre Leistung... ich könnte mich kaputtlachen über diese grossen Kinder.

Langweilig wird mir nie....täglich mache ich Holz, habe eine bestimmt 15m lange Kiefer enddeckt, da säge ich Meterstücke von ab und spalte sie. Drei Schläge mit meiner Fiskars X25 und das Meterstück ist in zwei Teile, der Rest ist einfach.

Dann sehe ich etwas weiter noch eine Lärche, die liefert ebenfalls sehr gutes Brennholz. Auf einem der Einkaufsfahrten nach Ust-Bagusin (der nächste Supermarkt ist dort, nur 40km entfernt.... ), erstehe ich etwas abgelagertes Brennholz, das ist prima zum Anfeuern. Birkenrinde ist das wichtigste dabei, sie wird in kleine Steifen gerissen, auf ein paar trockene Äste gelegt und angezündet. Ein Streichholz genügt, wenn man gut auflegt hat man in ein paar Minuten ein üppiges Lagerfeuer.... dafür arbeite ich gerne tagsüber.

Gegessen wird natürlich auch, Pommes Frites mache ich mir aus frischen Kartoffeln, Kartoffelpuffer, Hamburger, Hackfleischpfanne mit Nudeln, Eintopf aus Fleisch, Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln und viel Knoblauch. Mal fahre ich, mal Ljoscha. Auf dem Weg nach Ust-Bagusin gibt es eine Quelle, sie ist eingefasst und das Wasser läuft über ein hohles Holzrohr ins Freie.

Sehr gutes Wasser bekommt man dort.... natürlich, ich bin am Baikal, der hat eines der saubersten Wasser überhaupt. Aber hier in der Bucht auch sehr viel Algen.... das Wasser des Baikal nehme ich zum Duschen und für den Abwasch, das aus der Quelle zum Kochen und Trinken.

Der letzte Besuch ist Reiner. Wir hatten uns irgendwie übers Internet kennen gelernt und ich habe für ihn und Wolfgang (Wolfgang und Jutta waren auf den ersten zwei Wochen meine Begleiter) die russischen Simkarten besorgt. Reiner ist mit einem richtigen Wohnmobil auf Peugeot Boxer Basis, unterwegs. Das Mobil hat einen 4x4 Antrieb von Drangel.

Reiner ist im Westen, also über den russischen Altei, in die Mongolei, und dann im Osten wieder raus. Vorher hat er sich in der Mongolei noch das Getriebe kaputt gefahren. Zum Glück gab es Ersatz zuhause, es wurde eingeflogen und eingebaut. Aber das hat Zeit gekostet, Zeit die er eigentlich am Baikal verbringen wollte. So bleiben uns nur zwei Tage zusammen, aber die waren schön und intensiv. Beim betrachten der Autos viel uns auf, das seine vorderen Reifen sehr verschieden abgenutzt waren. Beide waren bei Reisebeginn neu, aber der rechte war fast blank. Ljoscha wusste Rat, er kannte eine Werkstatt in Ulan-Ude die ein grosses Tor und das KnowHow zur Reparatur hatte. Weil ich eh in die Richtung musste, brach ich mit ihm auf und verliess nach fast 4 Wochen meinen schönen Platz am Baikal. Reiner habe ich bis zur Werkstatt begleitet und bin dann weider in die Mongolei, etwas früher als geplant, aber der Freundschaftsdienst war wichtiger als alle Planung.
Was haben diese Wochen mir gebracht? Zunächst einmal konnte ich wirklich ab- und umschalten. Konnte wieder etwas Kraft in den Lebensakku bringen. Lange am Feuer sitzen, der Sonne beim untergehen zuschauen, tagsüber viel lesen, etwas beobachten oder das eine oder andere Gespräch führen. Einfach auspendeln, die Unruhe zum Stillstand kommen lassen. Lange schlafen, äusserst gemütlich frühstücken.... keine Hektik.
Und es war gut, es war richtig so, als ich in die Mongolei aufbrach, hatte ich wieder Lust auf neues, Lust auf fahren.
Ich habe viel über den Sinn der Reiseberichte nachgedacht...... war soweit, die Seite einzustampfen und nichts mehr zu schreiben. Das waren verschiedene Gründe, mir erschloss sich das ganze nicht mehr. Es ist viel Arbeit, der Text, die Bilder, Videos......
Und wenn man eh schon zweifelt und dann kommen auch noch ein paar mir unverständliche Kommentare von Lesern..... dann sehe ich eben keinen Sinn mehr darin wieder zu schreiben. Aber es gab auch viele die mit Mut gemacht haben, mich ermuntert und gestützt haben. Nicht zuletzt auch meine liebe Familie. Meine liebe Frau und meine wunderbaren Kinder waren in dieser Zeit wie ein Ladegerät für eine leere Batterie, Danke Euch dreien !!!!!!!
Ich mache also weiter......
Beachtet bitte, das die Bilder in der Galerie genau so zum Reisebericht gehören, fast alle sind beschriftet und erzählen ebenfalls die Geschichte...

                                                                                          
Bis dann.....bleibt gespannt

PS: die Idee von letzten Satz im letzten Reisebericht war: ...... man hätte mit der Transsibirischen Eisenbahn von Irkutsk oder Ulan-Ude nach Wladiwostok fahren können.....aber wie Ihr oben lesen konntet, bin ich zu fertig gewesen..... machen wir später mal....ich komm in ein paar Jahren wieder !!

 

 

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